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Historischer Überblick Aufstand in Frankfurt Der Brötchenaufstand von 1848
Der Bierkrawall von 1873
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Teil 4
Der Bierkrawall von 1873
"Vor der Henrichsen Brauerei schwenkte auf einmal eine Abteilung Soldaten und zwar unter dem Kommando des Leutnants v. Holbach von der Großen
Friedberger Gasse in die Kleine Friedberger Gasse ein, marschierte noch ungefähr 20 Meter vorwärts, hielt an und machte sich schussfertig. Das Publikum befand sich in einer bösen Lage. Es flüchtete so schnell
wie möglich, soweit die Haustüren noch offen standen, in die Häuser hinein." Was war geschehen? Drei Wochen zuvor hatten die Brauereien den Bierpreis erhöht: Während ein halber Liter Bier bisher einen
Batzen, also 4 Kreuzer à 3 Pfennig kostete, kostete er jetzt viereinhalb Kreutzer. Da es keine halben Kreutzer gab, bezahlte man fünf Kreutzer und bekam zum Bier eine Halb-Kreutzer-Marke, die man beim nächsten
Bier wieder einlösen konnte - allerdings nur beim gleichen Wirt.
Nun ist der Preis von Bier für den Frankfurter eine Art Naturkonstante; Änderungen haben schwerwiegende Auswirkungen auf alle Bereiche seines
Seins: Eine Änderung der Gravitationskonstante könnte keine schlimmeren Folgen haben. Gleichzeitig galt der Bierpreis als ererbtes Gut, dass es zu bewahren galt: Bereits die Urahnen erhielten Bier für einen
Batzen. Eine Erhöhung des Bierpreises widersprach also Natur und Tradition gleichermaßen und stellte damit eine bislang unerhörte Ungerechtigkeit dar, die die Existenz des Frankfurters und damit des gesamten
Gemeinwesens bedrohte.
Der Gedanke an Aufstand, Aufruhr und Revolution, der in Frankfurt seit Jahrhunderten geschlafen hatte, wurde jäh aus seinem Schlaf geweckt. 1866
war Frankfurt, nachdem es über 50 Jahre lang eine Freie Stadt war, von Preußen annektiert worden - und die Produktion von Handkäse und Apfelwein kam nicht für einen Tag zum Erliegen. Im Gegenteil, angesichts der
zu erwartenden Gäste von außerhalb wurde die Produktion wahrscheinlich sogar noch erhöht. "Auswärtige Agitatoren” gaben sich die Klinke in die Hand um Frankfurt aus seiner - vermeintlichen - Lethargie zu
reißen und für die Ideale der Kommunistischen Internationale zu begeistern, aber außer Würstchenverkäufern und Brezelbuben, die ein Geschäft witterten, kam kaum jemand zu ihren Versammlungen. Noch 1886, als
man amtlicherseits meinte, man müsse nun auch in Frankfurt der roten Gefahr Herr werden, fand man im gesamten Stadtgebiet nicht mehr als 49 Sozialdemokraten, die allesamt ausgewiesen wurden. Was nun den
Auswärtigen Agitatoren und der gesammelten Sozialdemokratie nicht gelungen war, schafften die Brauereien mit der Erhöhung des Bierpreises. Die Auswärtigen Agitatoren reisten wieder an und fanden diesmal einen
fruchtbaren Boden. Ein Gespenst ging um in Frankfurt und sein Name war Bierpreis.
Der 21. April 1873 war der dritte Montag der Frankfurter Frühjahrsmesse und daher traditionell arbeitsfrei. Das entsprechende Volksfest fand auf
der Bleichwiese an der Breiten Gasse statt. Die dort versammelten Frankfurter waren hin- und hergerissen zwischen dem natürlichen Drang zu trinken und dem Versuch, es angesichts des Preises doch nicht zu tun, was
natürlich nicht gelang. Die Verwirrung stieg. Gegen vier Uhr Nachmittags zog schließlich eine halb trunkene, halb durstige Menge von ungefähr 100 Mann durch die Straßen, auf der Suche nach preiswertem Bier. Der
Schlachtruf "Mir wolle Batzebier!" wurde geboren und hallte durch die Straßen. Mehrere Gaststätten, die an der Preiserhöhung festhielten, wurden demoliert. Brauereien wurden belagert, aber die
Brauer wehrten sich, indem sie heißes Bier auf die Angreifer gossen. Die Polizei war hilflos, die Stimmung stieg.
Die Stadtverwaltung wurde darüber informiert, dass Menschen durch die Straßen ziehen und nach Bier rufen. Man hätte sie einfach ziehen und rufen
lassen können, da eine fürsorgliche Stadtregierung den Ruf der Natur nach sicherer Existenz erkannt hätte. Nun aber gehörte Frankfurt zu Preußen und daher waren dem Oberbürgermeister Mumm solche Erwägungen
fremd, er hörte nur die Stimme des Aufruhrs und rief seinerseits das Militär. In Preußen steht man nicht auf der Straße und ruft, es sei denn, man hat etwas zu verkaufen. Tut man es dennoch, wird man erschossen.
Dies mussten auch die auf der Straße stehenden und rufenden Frankfurter erkennen, die sich plötzlich der preußischen Auffassung von Ordnung gegenübergestellt fanden und lernen mussten, dass diese mit scharf
geladenen Gewehren ausgestattet ist. Für 21 von ihnen kam diese Erkenntnis zu spät, darunter eine Frau und ein zehnjähriger Junge. Die anderen, darunter alle Würstchenverkäufer und Brezelbuben, konnten sich in
die umliegenden Wohnhäuser retten. Unzählige wurden verletzt, 300 verhaftet, gegen 47 wurde Anklage erhoben, die meisten von ihnen mussten für mehrere Jahre ins Zuchthaus.
Aber diesmal war das alles nicht umsonst, denn kurz darauf erklärten die Sprecher der Brauer-Vereinigung, Conrad Binding und Christian Henninger,
dass ihretwegen "Leben und Eigentum" nicht bedroht werden sollen und nahmen die Bierpreiserhöhung zurück.
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