Historischer Überblick
Aufstand in Frankfurt
Der Brötchenaufstand von 1848
Der Bierkrawall von 1873
 

Teil 1

Historischer Überblick

Der Frankfurter an sich ist träge. Schnelle Bewegungen verursachen ihm Schwindel, Veränderungen begegnet er mit einer gesunden Mischung aus Argwohn und Misstrauen. Selbst seine bevorzugten Lebensmittel zeichnen sich durch lange Haltbarkeit aus: Gepökeltes Fleisch, Sauerkraut, vergorener Apfelmost und eingelegter Käse, den man auf dem Apfelweinfass aufbewahrt. Diese Bewegungslosigkeit hat ihren Ursprung in der römischen Zeit, als das heutige Frankfurt noch im Schatten von Nida stand. Nida, an der Stelle des heutigen Nordwestzentrums gelegen, war das Zentrum der Civitas Taunensis, dem römischen Verwaltungsbezirk direkt am Limes: ein Außenposten des römischen Imperiums, der über prächtige Bäder und Tempel, weitgereiste Soldaten und exotische Huren verfügte. Dagegen befand sich dort wo heute neben dem Frankfurter Dom Souvenirgeschäfte japanische Touristen ausnehmen, neben den Resten eines römischen Bades eine Ansiedlung einheimischer Thermeninstallateure, Fußpfleger und Hütchenspieler, die die Furt über den Main für ihre Geschäfte nutzten. Wer nach Nida wollte, musste an dieser Stelle den Main überqueren, wenn er es nicht vorzog auf dem Umweg übers Germanenland jenseits des Limes von den - noch - kriegerischen Chatten niedergemetzelt zu werden.  Auch wer den Main bereiste, sei's zum Handel oder zum Vergnügen, kam unweigerlich an dem vorbei, was heute Frankfurt ist. Diese geographische Gegebenheit begünstigte die Überzeugung, dass das Geld von ganz alleine kommt, so dass es dem, der an Ort und Stelle bleibt und dort seinen Geschäften nachgeht, nicht an eingelegtem Käse und Kraut mangeln wird. Diese Erkenntnis bedingte eine charakterliche Beharrlichkeit der Proto-Frankfurter, die sich unaufhaltsam über den gesamten Stamm der Chatten ausbreitete, der schließlich dadurch bekannt wurde, dass er sich während der Völkerwanderung als einziger Stamm auf zwei Kontinenten um keinen Meter bewegte.

 

Nida und die Furt am Main im 1. Jh. n. Chr.

Das Römische Reich verging und aus Nida wurde Heddernheim, das heute lediglich über einen U-Bahnabstellplatz und einen eigenen Karnevalsumzug verfügt. Frankfurt dagegen blieb die geographische Gegebenheit wie auch die wirtschaftliche Gelegenheit an der Kreuzung zweier Fernhandelsstraßen erhalten. Wer früher als Zeichen seines Wohlstandes noch Käse und Kraut im Keller eingelagert hatte stellte bald fest, dass Geld eine größere finanzielle Dichte - sprich Wert pro Volumen - besitzt. Außerdem stinkt es nicht und ist fast unbegrenzt lange haltbar - zumindest letzteres ist eine Eigenschaft, die es für den Frankfurter höchst erstrebenswert macht. Das Konzept, in Frankfurt zu bleiben und Geld von jenen zu bekommen, die es alsbald wieder verlassen, erwies sich als überaus erfolgreich und wurde eindrucksvoll bestätigt, als Karl der Große 794 eine Reichssynode nach Frankfurt einberief. Die kaiserliche Familie, der kaiserliche Hof, geistliche und weltliche Würdenträgern aus ganz Europa kamen nach Frankfurt und blieben für zwei Monate. Wer darüber verfügte, vermietete sein Haus und die ansehnlicheren Teile seiner Familie. Handkäse verwandelte sich in Gold. Als die Teilnehmer der Synode Frankfurt wieder verließen, war der Grundstock zu einem europäischen Finanz- und Dienstleistungszentrum gelegt.

 

 

 

Auch die nachfolgenden Kaiser kamen regelmäßig nach Frankfurt, zunächst weil Frankfurt angenehm gelegen war, größere Menschenmengen längere Zeit verpflegen konnte und des Kaisers eigener Besitz war. Andere Städte hatten gegenüber Frankfurt den Nachteil, dass sie im Besitz von Bischöfen waren, die des Kaisers Mahlzeiten mit allzu geistlichen Ermahnungen zu würzen pflegten. Später kamen die Kaiser um hier ihre leeren Kassen wieder zu füllen. Bereits 1241 ist Frankfurt die zahlungskräftigste Stadt im Deutschen Reich. Damit das so blieb, statteten die Kaiser Frankfurt mit allerlei Privilegien aus, so versprach Ludwig der Bayer 1320 die Stadt nicht zu verpfänden.Woran Frankfurt aber vor allem interessiert war, waren Massenveranstaltung, die viel Volk in die Stadt lockten, dem man dann für viel Geld Unterkunft und Nahrung bieten konnte: die Messe, die zweimal jährlich stattfand, die Wahl und die Krönung der deutschen Könige und gelegentliche Reichsversammlungen. War gerade kein König zu wählen oder nicht die rechte Zeit für eine Messe, mietete man sich eben irgendeinen umherreisenden Heiligen wie Bernhard von Clairvaux, der 1146 in Frankfurt zum Zweiten Kreuzzug aufrief und anschließend unter großer Anteilnahme von Einheimischen und Gästen die Taubstummen, Blinden und Siechen heilte

 

Durch die Gnade Gottes, nach apostolischer
Genehmigung und auf Befehl unseres allerfrömmsten Herrn, König Karls, wurden in dessen 26.Königsjahr
 alle Bischöfe und Priester des Frankenlandes,
 Italiens, Aquitaniens und der Provence zu einer
 Synode versammelt. Er selbst, der Mildtätigste,
 nahm an der hl. Versammlung teil.

Die Nachbarn von Frankfurt, allen voran die Herren von Hanau (denen unter anderem auch Bockenheim gehörte), blickten mit unverhohlenem Neid auf die Gold- und Käsehaufen, die sich in den Frankfurter Kellern stapelten. Hanau, zwar ebenfalls am Main gelegen, ist von der Natur und dem Schicksal so wenig begünstigt, dass man bis heute dort lediglich atomaren Abfall abladen mag. Dort festigte sich daher die Überzeugung, dass Geld nicht von alleine kommt, sondern dass man es sich abholen muss, Plündern und Brandschatzen inbegriffen. In Frankfurt war man, wie erwähnt, der konträren Ansicht, so dass das Hanauer Ansinnen nie gelang. Einen herben Verlust erlitt Frankfurt dagegen 1389 bei der Schlacht von Kronberg, an der die Frankfurter eher widerwillig teilgenommen hatte, um ihre Pflichten als Mitglied des Rheinischen Städtebundes zu erfüllen. Bewegung an der frischen Luft liegt dem Frankfurter eben nicht. Darauf ist es wohl auch zurückzuführen, dass die Schlacht in einem fürchterlichen Debakel endete: Nicht nur ging die Schlacht verloren, was zu verschmerzen gewesen wäre, es gingen auch fast alle Handwerksmeister verloren, die in Kronberg als Geisel gehalten wurde. Die Lösegeldforderungen waren schlicht unverschämt, aber da es nur Bäckermeistern und Metzgermeistern erlaubt war, zu backen und zu schlachten, musste man sich in ihrer Abwesenheit von rohem Gemüse ernähren. Zähneknirschend zählte man mehrere Tage Gold, löste die Handwerksmeister wieder aus und schwor, sich nie wieder auf so unbedachte Unternehmungen wie Kriege und Schlachten einzulassen. Deshalb sah sich Frankfurt auch außerstande am Dreißigjährigen Krieg teilzunehmen. Auf die allfällige Frage vorbeiziehender Heere, auf welcher Seite man stünde, murmelte man etwas Unverbindliches von den Zinnen und ließ eine Kiste mit Gold vor die Stadt tragen. (Der entscheidende Punkt an dieser Taktik ist die Kiste voll Gold. Andere Städte, die die gleiche Taktik verfolgten, ohne die Kiste rauszutragen, bekamen keine Gelegenheit eine Gegenfrage zu stellen). Einzig die Schweden unter König Gustav Adolf zogen 1631 durch die Stadt, brauchten aber nicht zu plündern oder gar vom Pferd abzusteigen, da man ihnen das Gold selbst bis ans Pferd brachte. Vermutlich verkaufte man ihnen anschließend heiße Würstchen und Erfrischungen und erhielt das Gold so wieder mit Gewinn zurück. Die Taktik erwies sich als insgesamt erfolgreich: Frankfurt wurde als einzige Stadt in Mitteleuropa während des Dreißigjährigen Krieges nicht zerstört.

 

 

Die Wahl und die Krönung von Königen wurde 1806 von Napoleon eingestellt. Frankfurt musste sich daher andere Veranstaltungen suchen, deren Besucher Geld in die Stadt tragen und es hier lassen. Die Ernennung zur Bundeshauptstadt, die nach dem Zweiten Weltkrieg angestrebt wurde, hätte hier enormen Aufschwung gebracht, unterblieb jedoch, obwohl man schon Gebäude für den Bundestag und die Ministerien gebaut hatte. So wird Frankfurt nun in regelmäßigen Abständen von Turnfesten, Kirchentagen, evangelischen wie katholischen, sowie unterschiedlichsten Messen heimgesucht. Den Frankfurter schaudert's regelmäßig, wenn wieder das europäische Klempnerhandwerk oder Scharen von Christen in Sandale und Halstuch das Stadtbild verstellen und die Vorräte an Käse und Kraut, Bier und Apfelwein bedrohen. Aber tief im Herzen weiß der Frankfurter auch, dass das schon immer so war und so sein muss, denn nur so wird das Wunder der Verwandlung von Handkäse und Apfelwein in Geld und Gold immer wieder ermöglicht.

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